Von Kathrin Bialas

Was habe ich mit Walther von der Vogelweide zu tun?!

Welcher Schüler kennt es nicht? Ich „muss“ ein Gedicht interpretieren, verstehe dessen Relevanz für mein eigenes Leben nicht, suche nach einer fertigen Interpretation aus dem Internet und gebe mich damit zufrieden. – Hier können Podcasts helfen.

Die Idee, einen Podcast zum Thema „Lyrik im Kontext der Zeit“ mit mehreren Episoden zu erstellen, trifft in der Klasse BGY201 vom Beruflichen Gymnasium Technik auf positive Resonanz. Insbesondere weil Produktion und Ergebnis als Klausurersatzleistung benotet werden und die Schüler auf eine schriftliche Gedichtinterpretation verzichten dürfen.
Die Schüler finden sich schnell in Gruppen mit vier bis fünf Mitgliedern zusammen und suchen sich selbstständig ein Gedicht zu der von ihnen gewählten Epoche heraus. Vertreten sind später die Epochen Mittelalter, Aufklärung, Romantik und Gegenwartsliteratur. In den Gruppen kann insofern differenziert und individualisiert werden, als dass sich jeder Schüler eine Tätigkeit passend zu den eigenen Wünschen, Kenntnissen und Stärken zuteilen kann. Manch einer liest gerne betont vor, ein anderer kritisiert gerne den Zweck und Nutzen von Literatur, den wiederrum ein Schüler argumentativ verteidigt und ein weiterer tratscht gerne hörerzugewandt und mit einem hohen Unterhaltungswert. Ganz nebenbei befassen sich die Schüler dennoch mit der jeweiligen Epoche, dem Gedichtinhalt sowie den Interpretationsmöglichkeiten.

Aufnahmen, Schnitt und Audiobearbeitung

Hinzu kommen insbesondere an unserer Schulform die technikaffinen Schüler, die sich gerne mit dem Schnitt und der Audiobearbeitung auseinandersetzen. In Corona-Zeiten, in denen der Unterricht zeitweise in Szenario B und schließlich als Distanzunterricht stattfinden muss, ein enormer Vorteil, sodass die Schüler sehr gut digital zusammenarbeiten und ihre technische Bearbeitung Zuhause durchführen können.
Dies wird insbesondere durch die praxisnahen Tipps unterstützt, die ich den Schülern aus der n-report-Fortbildung zum Thema „Audio-Podcasting“ in Zusammenarbeit mit Heise-Medien weitergeben kann. So sitzen die Schüler beispielsweise Zuhause im improvisierten Tonstudio, ihrem möglichst vollgestopften Kleiderschrank, da dort die Dämmung am besten ist und Störgeräusche weitestgehend ausgeschlossen werden können. Das Smartphone mit Audiorecorder halten sie dabei wie ein Toastbrot konzentriert waagerecht vor sich, um die optimale Klangqualität zu erreichen.
Zudem sind die schülergerecht aufgearbeiteten Materialien des multimediamobils Südost sowie die kurzfristig einberufene Online-Fortbildung des Schul-Internetradios n-21 mit Frau Deseke in Bezug auf die Arbeit mit Audacity sehr hilfreich. Darüber hinaus bietet n-21 eine tolle Plattform, um die eigenen Podcasts kostenlos und unter vorheriger Prüfung zu veröffentlichen.
Um einen einheitlichen Auftritt unserer Schule online zu gewährleisten, wird vor die Schülerpodcast-Episoden ein schuleigener Jingle geschnitten; eine Schülergruppe kreiert zudem – einfach, weil es ihnen Spaß macht und das ist toll zu sehen – noch einen eigenen Jingle.

Insgesamt entstehen vier ganz unterschiedliche Episoden, in denen sich Schüler in einem ihnen bekannten und bevorzugten Medium kritisch und unterhaltsam mit Texten verschiedener Epochen auseinandersetzen.

„Walther“ ist also auch heute noch aktuell

Natürlich gibt es auch – wie in einer schriftlichen Gedichtinterpretation – Stolpersteine, die man im Podcast erst beim Hören bemerkt. Beispielsweise liegen kleinere fachliche Fehler vor, wenn von „Zeile“ statt „Vers“ gesprochen wird, das „lyrische Ich“ als „Erzähler“ betitelt wird oder Schüler „für“ oder „gegen“ ein Gedicht sind. Auch muss man als Lehrer damit leben, dass ein Schüler zielgruppengerecht formuliert, dass er das Gedicht ‚Unter den Linden‘ von Walther von der Vogelweide (von den Schülern kumpelhaft „Walther“ genannt) „relativ Kacke“ finde oder es ihm „das Gefühl von Langeweile oder Angenervtheit“ gebe. Ein Lichtblick jedoch, wenn der Gegenpart von „Schmetterlingen im Bauch“ spricht und es sogar schafft, aus dem Mittelalter die Verbindung zu den sozialen Medien herzustellen, in denen es (auch) oft um „alte Sprüche oder Zitate rund um die Liebe“ gehe und die Aktualität des Themas betont.

Letztendlich muss man sich fragen: Was ist mehr wert – wenn die Schüler sich in der schwierigen Corona-Zeit gemeinsam motiviert und medial mit literarischen Texten auseinandersetzen oder wenn sie einzeln krampfhaft versuchen schriftliche Formfehler zu verhindern?

„Walther“ ist also auch heute noch aktuell, man muss ihn nur mal (wieder) hören.

Die Podcasts sind auf unserer Seite beim Schul-Internetradios n-21 veröffentlicht.