„Gegen die Demokratie“
Von Stephanie Hüging
Am Dienstag, den 27.01.2026 besuchte die Klasse 12 der Fachoberschule Gestaltung das hochaktuelle Theaterstück von Esteve Soler mit dem Titel „Gegen die Demokratie“. Inszeniert wurde das Stück im Scharoun Theater Wolfsburg vom Ensemble Phoenix aus Köln. Die Regie übernahm Bettina Montazem, die im Anschluss der Vorstellung für ein Publikumsgespräch zur Verfügung stand.
- Das moderne Theaterstück besteht aus verschiedenen verschlüsselten Szenen. Diese setzen sich auf überspitzte, provokante und z.T. absurde Art mit Aspekten auseinander, welche die Demokratie bedrohen können.
Aus einem Dialog eines Paares über den Arbeitstag wird ein Aufruf zum Nichtwählen, um es der aktuellen Regierung zu zeigen. Dann bekommt die schwangere Frau ihr Kind, wobei Wasserbomben auf der Bühne platzen. Das Neugeborene mutiert im Anschluss zu einem bedrohlichen Wesen (Vogelspinne oder Vampir), das Vater und Mutter durch einen Biss in den Hals tötet. Die Schauspieler spritzen mit Kunstblut herum. Neben der Hierarchie von denen da oben und denen da unten steht die mögliche Botschaft im Raum: Kinder bedrohen unsere Zukunft. - Eine Frau erklärt einem Mann, der für sie arbeitet, die von ihr angeordnete Zerstörung der Stadt als Wiederaufbau einer neuen, besseren Gesellschaft mit folgsamen Bürgern, die nicht aufbegehrten. Dann stellt sich heraus, dass die Frau die Stadt nur zerstört hat, da diese sie an ihre Exfreundin erinnert. Hier soll gezeigt werden, dass totalitäre Regime ein neues Volk nach ihren Vorstellungen organisierten und welche Auswirkungen von Krieg und Zerstörung auf die Menschen haben.
- Eltern erklären ihrem Sohn, dass er ungewollt zur Welt gekommen ist und ihnen nur zur Last fällt. Außerdem informieren sie ihn darüber, dass sein Opa ihn als Kind missbraucht habe. Dann wird der Sohn von seiner Mutter erschossen. Eine Konfetti-Kanone explodiert. Hier geht es um die Ohnmacht und Chancenlosigkeit der Jugend.
- Eine Frau mit Burka erzählt ihren Nachbarn, warum sie die Burka als Teil ihrer Identität trägt. Sie fühlt sich nicht unterdrückt. Dann berichtet sie von ihrem Mann, der gegenüber der Tochter gewalttätig wurde, da diese mit dem Nachbarn geflirtet hat. Die Mutter geht dazwischen und tötet ihren Mann. Daher steht die Frau mit Burka mit blutverschmierten Händen da und bittet die Nachbarn um Verständnis für ihre Situation. Neben dem Umgang mit anderen Kulturen und Religionen geht es um die Unterdrückung von Frauen. Frauen mit Burka werden in ein klischeehaftes Bild gepresst und können nicht frei leben.
- Bei einem Boxkampf macht eine Frau einen Mann fertig, während eine andere Frau jubelt. Anscheinend geht es um das Recht des Stärkeren im Kapitalismus. Darüber hinaus werden Waffenhändler angeprangert, die am Krieg verdienen.
- In der nächsten Szene diskutieren Bewohner eines Hochhauses darüber, was nach dem 5. Stock ist. Als eine Bewohnerin nachsieht, kommt sie nicht wieder. Denn der 6. Stock existiert nicht! Eventuell steht er bedingt durch die Zahlenbedeutung der 6 für die Hölle oder für den nicht zu erreichenden Himmel. Oder das Immer-höher-Hinauswollen kann kein gutes Ende nehmen wie z.B. bei dem Gedanken immer besser werden zu wollen als alle anderen.
Im anschließenden Publikumsgespräch wurden viele Themen besprochen. Denn der Autor wolle laut Bettina Montazem die Komplexität der Welt darstellen, die schwer zu verstehen sei. Da es von 2007 sei, wären wesentliche gesellschaftliche Umbrüche wie der Arabische Frühling, aktuelle Kriege sowie Nachhaltigkeit noch nicht berücksichtigt worden.
Die breiten Gummibänder, die in allen Szenen vorkommen, stehen für ein Spinnennetz. Dessen Bedeutung erarbeitet die Regisseurin gemeinsam mit dem Schüler-Publikum. Das Netz kann für die Verbindung der Menschen, ihrer individuellen Geschichten oder der Zeit stehen, aus der man lernen kann. Das Theaterstück präsentierte dem Publikum 6 Probleme, für die es keine Lösung gibt.
Ausgehend von dem Titel „Gegen die Demokratie“ fragte die Regisseurin die Schüler, ob sie freiwillig im Theater seien. Die meisten verneinten dies, da es eine verpflichtende Schulveranstaltung sei. Dieser Zwang stände jedoch laut Montazem im Widerspruch zum freien Willen als grundlegendem Konzept für eine Demokratie. Anschließend stellte sie die provokante Frage, ob man Menschen mit anderer sozialer und/oder politischer Haltung umbringen dürfe. Die Schüler lehnten das ab mit Verweis auf Strafrecht, Moral und Menschenrecht. Jedoch müssten alle die gleiche Haltung besitzen, damit Frieden gewährleistet sei.
Daraufhin folgte ein Austausch persönlicher Erlebnisse von Schülern mit Migrationshintergrund (u.a. aus Syrien, Afghanistan, Portugal, Türkei, Sudan) über ihre unterschiedlichen Einstellungen zu Rechtsstaatlichkeit, Moral, Menschen- und Frauenrechten. Die Regisseurin, die selbst aus dem Iran stammt, fragte die Schüler nach den Beweggründen, worum sie nach Deutschland gekommen seien. Sie gaben Frieden, mehr wirtschaftliche Sicherheit, bessere berufliche Chancen und bessere Frauenrechte als Gründe an.
Generell wurden viele Themen angesprochen, die in anderen Ländern ein Problem darstellen wie z.B. Ausbeutung von Ableitern, Vertreibung von Minderheiten, Verfolgung Andersdenkender und Kriege. Das Leben in der Diktatur sei laut Ansicht aller Anwesender schlechter als in der Demokratie.
In einem demokratischen Staat – wie Deutschland – kann das Zusammenleben jedoch nur gelingen, wenn sich alle an das Grundgesetz halten und die Würde aller Menschen achten und ihre körperliche Unversehrtheit. Dies ist im Rechtsradikalismus nicht der Fall oder in Fällen, wo Demonstranten erschossen werden (wie aktuell in den USA).