Ungewöhnliche Inszenierung von Keuns „kunstseidenem Mädchen“

Text und Bildauswahl von Stephanie Hüging

Am 20.02.2026 besuchten zwei Oberstufen-Klassen der BBS II Wolfsburg das Staatstheater Braunschweig.

Die Klasse 13 des Beruflichen Gymnasiums Ingenieurswissenschaft und die Klasse 12 der Fachoberschule Gestaltung schauten in Begleitung ihrer Klassenlehrkräfte Frau Hüging und Herr Dankert eine Abendvorstellung. Zu sehen war eine ungewöhnliche Inszenierung des abiturrelevanten Romans „Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun.

In diesem Werk strebt die junge Doris den sozialen Aufstieg im Deutschland der 1930er Jahre an. Sie ist als Bürokraft unglücklich und möchte als Schauspielerin berühmt werden. Vorübergehend gelingt es ihr eine Anstellung an einem Theater zu bekommen, aber sie verstrickt sich in Lügen über den Intendanten und wird von ihm gefeuert. Da sie nicht arbeiten will, sucht sie im Berliner Nachtleben den Kontakt zu Männern, die sie aushalten. Das gelingt mal besser und mal schlechter…

Diese Geschichte von Keun hat Regina Wenig für die Inszenierung im Staatstheater Braunschweig bearbeitet. Besonders daran war die Ergänzung von zwei Figuren, die in der Textvorlage NICHT! vorkommen:

  • Dies betraf einerseits die Autorin Imgard Keun (1905 – 1982), deren dramatisches Leben als zweiter Handlungsstrang in das Stück integriert wurde. Hierbei wurden zunächst ihr Aufstieg zur Bestseller-Autorin, ihr sozialer Abstieg nach Berufsverbot im Nazi-Deutschland sowie ihre Flucht durch diverse Exil-Länder Europas thematisiert. Keuns bewegtes Liebesleben erfuhr ebenfalls Berücksichtigung: Sie hatte zeitgleich einen Verlobten in den USA und einen Geliebten in Belgien. Dazu kam noch ihre toxische Beziehung zum Schriftsteller Joseph Roth, dem sie sich nur durch die Vortäuschung ihres Selbstmordes entziehen konnte. Ihre zunehmende Alkoholsucht und ihre Rückkehr mit falscher Identität ins nationalsozialistische Deutschland wurden ebenfalls angesprochen. Durch die ergänzende Figur der Autorin war ein Dialog zwischen der Hauptfigur und ihrer Schöpferin möglich. So fragte „das kunstseidene Mädchen“ namens Doris zum Beispiel Irmgard Keun, worum sie diesen Namen erhalten habe.
  • Anderseits erfolgte eine Aktualisierung des Stückes von seiner Entstehungszeit 1931 in unser aktuelles Jahr 2026, die im Titel angedeutet wurde. Hierzu wurde eine zweite Frauenfigur in Form einer jungen Frau von heute im Alter von 18 Jahren ergänzt. Basis für diese Figur war eine Meinungsumfrage des Theaters bei jungen Frauen zu ihren persönlichen und beruflichen Wünschen. Dies ermöglichte eine Gegenüberstellung verschiedener Frauen-Typen: Die von Männern sozial abhängige Protagonistin Doris steht im Kontrast zur unabhängigen alleinstehenden realen Frau.

Die Zuschauer erlebten insgesamt ein interessantes Gespräch zwischen drei Frauenfiguren: Autorin, historische Hauptfigur ihres Werkes aus den 1930er und Frau der heutigen Zeit. Hierbei wurde der Wandel der Frauenrolle thematisiert sowie Kritik an der sozialen und finanziellen Abhängigkeit von Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft geübt.

Außerdem wurden die zahlreichen Männerbekanntschaften von Autorin und Hauptfigur von nur einem Schauspieler dargestellt, der sehr häufig Kostüm und Rolle wechseln musste.
In diese Besonderheiten der Inszenierung des Staatstheaters Braunschweig führte die Dramaturgin Ursula Thinnes die Zuschauerinnen und Zuschauer zielführend ein, indem sie neben Leben und Werk von Keun auch das Konzept der Inszenierung von Regina Wenig einging.

Insgesamt war es eine gelungene Neu-Interpretation des Literatur-Klassikers von Imgard Keun. Vielen herzlichen Dank für dieses anregende Theater-Erlebnis!